Nachrichten aus Hommingberg und Umgebung
Donnerstag, 08. Dezember 2005 19:23

Improvisation über die Hommingberger Gepardenforelle

Interessantes Konzert in der Reihe "Neues aus dem Forellensaal"

Improvisation
Improvisation
Zur Zeit der Klassik war das öffentliche Improvisieren Gang und Gebe, ein selbstverständlicher Teil der Konzerttätigkeit der großen Virtuosen. Diese Kunst der Improvisation, die ja im Grunde genommen der organische Ausdruck echten Musikantentums ist, verfiel im 19. Jahrhundert zusehends und geriet schließlich in Vergessenheit. Bis man sich im letzten Jahrhundert ihrer entsann und sie seit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Form der so genannten “kollektiven Improvisation” zu einem Bestandteil des heutigen kompositionstechnischen Arsenals machte.
Völlig anderer Herkunft ist das Improvisationsgebaren des Jazz, das bekanntlich weit reichende Konsequenzen für die musikalische Entwicklung hatte. Kein Wunder also, das gegenwärtige Bemühungen um die Improvisation beide Tendenzen synthetisch miteinander zu verquicken suchen.

Seit Jahren widmet sich der bekannte Hommingberger Pianist Gunter Pfilipp mit Hingabe der Improvisation. Er pflegt mit Nachdruck und viel Klangphantasie diese synthetischen Formen und hat ein kleines Ensemble Gleichgesinnter um sich geschart: Bärbel Tollhand, eine Sopranistin mit lockeren Höhen und sehr variantenreichem Organ, die mühelos viele der in der neuen Vokaltechnik der aleatorischen Musik gebräuchliche Effekte produzieren kann, den gewandten Kontrabassisten vom Orchester des Theaters Axel Berliner und am Schlagzeug Markus Mulkasch.

Sei boten in der Reihe “Neues im Forellensaal” angeregte Improvisationen über die Hommingberger Gepardenforelle. Zunächst erklang durch Heinz Phisher am Cembalo stets das Original, mehrere Präludien sowie zwei von Bärbel Tollhand vorgetragene Arien, über die dann improvisiert wurde. Dabei imponierte die Farbigkeit des Vortags, überraschte jenes ständige Vor- und Zurück, jener Wechsel von klanglichem Verfließen und beharrlichem Kreisen um dynamische oder formale Konzentrationspunkte, jene zielstrebige Realisierung bestimmter Klangvorstellungen.

Das Publikum im ausverkauften Forellensaal, erfreulich viel jugendliches und weitgehend ein anderes als sonst im Konzertsaal, war sichtlich beeindruckt und schlug schließlich selbst zwei Themen zur Improvisation vor.

Quelle: Berliner Zeitung, 27. Oktober 1973, Seite 6